Vorbemerkung
Binnenvertriebene (auch Binnenflüchtlinge, intern Vertriebene, IDPs/Internally Displaced Persons) sind Personen, die aufgrund von bewaffneten Konflikten, allgemeiner Gewalt oder Menschenrechtsverletzungen gezwungen wurden, ihre Heimat oder ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort zu verlassen, dabei aber keine internationale Grenze überschritten haben (vgl. Guiding Principles on Internal Displacement, S.1, Absatz 2).
Nicht berücksichtigt sind in diesem Artikel Personen, die durch Natur- und vom Menschen verursachte Katastrophen innerhalb ihres Landes flüchten mussten.
Manche Vertreibungen sind vorübergehender Natur und die Personen können nach einiger Zeit wieder an ihren Wohnort zurückkehren. In anderen Fällen ist eine Rückkehr über längere Zeit oder dauerhaft nicht möglich. Vertriebene können in Flüchtlingslagern, bei Verwandten und Bekannten oder in anderen Dörfern und Städten Zuflucht gefunden haben. Viele von ihnen leben weiterhin unter äußerst prekären Bedingungen. Immer wieder kommt es auch vor, dass Personen mehrfach vertrieben werden.
Datenquellen für die Zahl von Binnenvertriebenen sind IDMC (Internal Displacement Monitoring Centre) und UNHCR. IDMC veröffentlicht Daten zur Zahl der intern Vertriebenen am Jahresende und zu den Vertreibungen während des letzten Jahres in allen Staaten. UNHCR stellt Daten zu Binnenvertriebenen am Jahresende und für das aktuelle Jahr auch zu Jahresmitte bereit – allerdings nur für Staaten, in denen UNHCR bezüglich Binnenflüchtlingen aktiv ist („IDPs of concern to UNHCR“). Die Angaben von IDMC und UNHCR weichen allerdings für einige Staaten deutlich voneinander ab (z.B. gab UNHCR für Ende 2024 die Zahl der IDPs in der Demokratischen Republik Kongo mit 6,9 Millionen an, IDMC mit 6,2; in Afghanistan bei UNHCR 3,2 Millionen, bei IDMC 4,2; in Somalia bei UNHCR 3,9 Millionen, bei IDMC 3,1; im Libanon bei UNHCR 124.000, bei IDMC 985.000).
In diesem Artikel wurden die Zahlen von IDMC verwendet.
Generell muss festgehalten werden, dass die tatsächliche Zahl von Binnenvertriebenen nur schwer festzustellen ist (siehe auch Anmerkungen). Alle Daten sind daher als Schätzungen zu betrachten.
Neue Vertreibungen
Die folgenden Daten beziehen sich auf durch Gewalt, Konflikte und Menschenrechtsverletzungen verursachte innerstaatliche Vertreibungen im jeweiligen Jahr.
Da Menschen auch mehrfach vertrieben worden sein können, darf die Zahl der Vertreibungen nicht mit der Zahl der vertriebenen einzelnen Personen gleichgesetzt werden.
Im Laufe des Jahres 2024 wurden 20,2 Millionen neue Binnenvertreibungen registriert. Die meisten Vertreibungen wurden 2022 verzeichnet (28,5 Millionen).
Die meisten neuen innerstaatlichen Vertreibungen gab es 2024 in der Demokratischen Republik Kongo (5,3 Millionen), im Sudan (3,8 Millionen), in Palästina (3,2 Millionen), in Myanmar (1,2 Millionen) und im Libanon (1,1 Millionen).
2023 wurden durch Konflikte und Gewalt in der DR Kongo 3,8 Millionen Menschen gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen. Auch in jedem der Vorjahre gab es bereits eine hohe Anzahl an Vertreibungen.
Die im April 2023 im Sudan ausgebrochenen Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Einheiten der Rapid Support Forces führten 2024 zu weiteren 3,8 Millionen Vertreibungen.
Die auf den Terroranschlag der Hamas Anfang Oktober 2023 folgende Militäraktion Israels im Gaza-Streifen verursachte bis Jahresende 3,4 Millionen Vertreibungen, wobei viele BewohnerInnen des Gaza-Streifens gleich mehrfach vertrieben wurden. Die Angriffe Israels auf die Hisbollah im Libanon lösten 1,1 Millionen Vertreibungen aus.
In der DR Kongo gab es bereits 2020 die meisten, in allen anderen Jahren seit 2016 die zweitmeisten Vertreibungen weltweit.
Syrien hatte in den Jahren 2012, 2013, 2016 und 2019 die höchste Zahl an Binnenvertreibungen aufzuweisen, der Irak 2014, der Jemen 2015, Äthiopien 2018 und 2021, die Ukraine 2022 und der Sudan 2023.
60 Prozent der neuen Vertreibungen waren 2024 auf innerstaatliche Konflikte zurückzuführen (etwa in der DR Kongo, im Sudan, in Myanmar, in Syrien, Burkina Faso, Äthiopien, Mosambik, Somalia, Kolumbien oder Mali).
Internationale Konflikte (darunter der Palästina-Konflikt, die Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon und der Ukraine-Krieg) waren die Ursache für 4,5 Millionen Vertreibungen.
Vertreibungen durch kommunale Ausschreitungen wurden vor allem in der DR Kongo und im Südsudan beobachtet, durch kriminalitätsbezogene Gewalt insbesondere in Haiti und Nigeria.
Binnenvertriebene
Die Daten in diesem Abschnitt beziehen sich auf die Gesamtzahl der binnenvertriebenen Personen am Jahresende. Das Ereignis, das die Vertreibung ausgelöst hat, kann bereits länger zurückliegen.
Veränderungen in der Zahl der Binnenvertriebenen im Laufe der Jahre sind auf neue Vertreibungen, die Rückkehr von Vertriebenen an ihren Herkunftsort und die Flucht von intern Vertriebenen ins Ausland verursacht. Es ist zu beachten, dass auch verbesserte Datenerfassungen zu einer Zu- bzw. Abnahme oder fehlende Aktualisierungen zu scheinbar gleichbleibenden Zahlen führen können.
Für die Jahre vor 1990 liegen keine und dann bis 2008 nur unvollständige Daten zu Binnenvertriebenen weltweit vor.
Nach Angaben von IDMC waren am Jahresende 2024 weltweit 73,6 Millionen Menschen Binnenvertriebene.
Ende Dezember 2024 gab es im Sudan 11,6 Millionen Binnenflüchtlinge, in Syrien 7,4 Millionen, in Kolumbien 7,3 Millionen und in der Demokratischen Republik Kongo 6,2 Millionen. Zwischen 3 und 5 Millionen IDPs wurden im Jemen, in Afghanistan, in der Ukraine, in Myanmar, Nigeria und Somalia registriert. In insgesamt 16 Staaten lag die Zahl der intern Vertriebene bei über einer Million.
Der Sudan hatte bereits Ende 2022 3,5 Millionen Binnenflüchtlinge aufzuweisen. Durch die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und der paramilitärischen RSF ab April 2023 stieg die Zahl der innerhalb des Landes vertriebenen Menschen bis Ende 2024 auf 11,6 Millionen an.
Auch in Myanmar war 2024 ein deutlicher Zuwachs an intern Vertriebenen festzustellen.
Dagegen war die Zunahme der IDPs in Kolumbien laut dem IDMC-Jahresbericht auf eine bessere Datenverfügbarkeit und eine Datenrevision durch die kolumbianische Regierung zurückzuführen.
Anmerkungen
Die in diesem Artikel verwendeten Daten stammen vom Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC). IDMC sammelt und analysiert Daten zu Personen, die durch Konflikte und Gewalt (internationale und innerstaatliche Kriege, Unruhen, Kriminalität) oder durch Klima- und Wetterereignisse (Wirbelstürme, Dürren, Waldbrände, Erdrutsche) oder Naturereignisse (Erdbeben, Vulkane) vertrieben wurden.
Auf der IDMC-Webseite sind Daten zu Vertreibungen und Vertriebenen in den einzelnen Staaten ab 2008 verfügbar. Auf der UNHCR-Webseite (Refugee Data Finder) können zudem Daten von IDMC ab 1990 über die Binnenvertriebenen am Jahresende abgerufen werden.
Die Erfassung der Zahl der intern vertriebenen Personen ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. In vielen Fällen existieren keine nationalen Statistiken zu Binnenvertriebenen. Die Daten stammen oft von internationalen und nationalen Organisationen, die in den jeweiligen Krisengebieten vor Ort sind. Der Zugang zu einigen Konfliktregionen ist jedoch manchmal aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Vertreibungen einzelner Personen oder kleinerer Gruppen können oft nur schwer erfasst werden.
Die Genauigkeit der Daten hängt auch davon ab, ob und wie häufig diese aktualisiert werden. Insbesondere, wenn die Vertriebenen nicht in Flüchtlingslagern leben oder regelmäßig Hilfsleistungen erhalten, ist es schwierig nachzuverfolgen, was weiter passiert: ob sie etwa mittlerweile zurückgekehrt sind, ins Ausland geflüchtet sind, oder ob sie vielleicht gar nicht mehr die Absicht haben, an den Herkunftsort zurückzukehren.
Die Daten wurden am 12.5.2026 von der Webseite von IDMC abgerufen.